Zukunftswerkstadt Verkehr – Zusammenfassung der Ergebnisse

Die einleitende und grundlegende Frage „Was wollen wir sein? Schlafstadt? Lebendige Stadt?“ wurde von den Bürgern eindeutig beantwortet. Sie wollen ein lebendiges Bergisch Gladbach. Diese Stadt ist für sie eine Mischung aus: Wohnen, Arbeit, Hochschulen/Schulen/Kindertagesstätten, Einkaufen, Freizeit und allen Generationen. Zum Verkehr dieser lebendigen Stadt gehört für diese Bürger mehr als nur der Autoverkehr. Als wesentliche Elemente benennen sie darüber hinaus: barrierefrei zu Fuß gehen, komfortabel Radfahren, gutes Bus- und Bahn-Angebot, Plätze für Begegnungen (nicht für Autos), Carsharing, kurze Wege sowie Straßen als Lebensraum für alle.
Auf die aufbauende Frage „Welche Rahmenbedingungen/Eckdaten (in Bezug auf Verkehr) sind uns wichtig und geben wir den Politikern mit?“ antworten die Bürger vielfältig und durchaus widersprüchlich bzw. konträr. Dies wird besonders bei einem Blick in die detaillierten Ergebnisse der Zukunftswerkstadt Verkehr deutlich.

Der Bereich der Stadtplanung/-entwicklung wurde von den Bürgern am meisten besprochen. Es wurde dafür plädiert, die Verkehrsströme zu erfassen und zu analysieren sowie alle Verkehrsarten in ein gemeinsames Konzept zu integrieren. Dabei soll die vorrangige Aufgabe der Verkehrsplanung nicht sein, Bergisch Gladbach noch autogerechter zu machen, sondern alternative Verkehrsmittel attraktiver zu machen, um die Autolawine zu verkleinern. Diese angesprochenen Elemente der Verkehrsplanung will die Stadt in ihrem neuen integrierten Mobilitätskonzept MobiK GL berücksichtigen. Sollen Verkehrsmittel wie zu Fuß gehen, Radfahren, Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) und Carsharing attraktiver werden, entstehe dadurch – nach Meinung der Bürger – ein steigender Bedarf an Infrastruktur für diese Alternativen. Zudem muss die künftige Verkehrsplanung laut der Bürger sehr unterschiedliche Bedürfnisse unter einen Hut bringen: Einerseits pendeln laut Pendlerrechnung NRW derzeit täglich 28.999 Menschen aus Bergisch Gladbach und 25.207 Menschen nach Bergisch Gladbach. Andererseits ist weniger als die Hälfte der Bevölkerung überhaupt erwerbstätig und es gibt einen großen Anteil älterer Bürger.

Die Bürger wollen neben einem Verkehrskonzept ein städtisches Gesamtkonzept, dass neben dem Verkehr auch andere Belange miteinbezieht und fordern die Anwendung des – bereits bestehenden – Integrierten Stadtentwicklungskonzepts ISEK 2030.

Die Stadtentwicklung soll die Kompetenzen der Bürger integrieren. Vorgeschlagen werden dafür u.a. gemeinsame Arbeitskreise von Bürgern, Verwaltung und Politik. Auch die Ergebnisse der Zukunftswerkstadt sollen einfließen. Damit sich die Bürger künftig gut über das Thema Verkehr in Bergisch Gladbach informieren können, wünschen sie sich ein städtisches „Verkehrs-Wikipedia“ mit Zahlen, Daten und Fakten, welches für alle im Internet verfügbar sein sollte.

Die Themen ÖPNV und Radfahren wurden neben der Stadtplanung am stärksten diskutiert. Es besteht der grundsätzliche Wunsch, den ÖPNV auszubauen bzw. attraktiver zu machen. Hierzu fallen Stichworte wie ÖPNV „ohne Fahrplan“, kurze Taktung und kurze Wartezeiten für längere Zeiträume, kostenloses WiFi sowie senioren- und behindertengerechter ÖPNV. Ein Thema sind auch faire Fahrpreise im Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS), die entsprechend der Entfernungen gestaltet sind und „Grenzübertritte“ zwischen Köln und Bergisch Gladbach nicht unverhältnismäßig teuer machen. Einige Bürger sprechen sich zudem für eine ÖPNV-Flatrate für alle bzw. die Einführung eines Bürgertickets für das Gebiet der VRS aus. Bei der S-Bahn wird der heutige 20-Minuten-Takt als unzureichend beschrieben. Als Ziele werden ein 10-Minuten-Takt sowie die Verringerung von Zugausfällen genannt. Die Bürger gehen davon aus, dass dadurch eine stärkere Nutzung der S-Bahn erfolge. Um diese Ziele zu erreichen, würde ein 2. Bahngleis benötigt. Bei der Frage nach der Finanzierung des zusätzlichen Gleises müssen, laut der Bürger, auch die bisherigen – alternativ anfallenden – Kosten des motorisierten Individualverkehrs für die Volkswirtschaft miteinbezogen werden. Viele Bürger sprechen sich auch beim Busverkehr für einen dichteren Takt aus. Weitere Themen sind Schnellbusse für bestimmte Strecken sowie eine Ausstattung aller Busse mit Mobilfunk für die Busfahrer, damit sie schnellere Informationen aus den Leitstellen erhalten und diese an die Fahrgäste weitergeben können.

Auch bei der Straßenbahn wird der Wunsch nach einer engeren Taktung genannt. Zudem wird der Vorschlag gemacht, den Bahndamm für eine Straßenbahn zu nutzen, welche die Linien 1, 3 und 18 miteinander verbindet. Beim Thema Regionalbahn geht es darum, dass der neue Rhein-Ruhr-Express in Zukunft nicht in Köln-Mülheim halten wird. Und dies, obwohl er die bisherigen Regionalexpress-Züge ersetzen soll. Die Folge wäre, dass die Menschen, die mit der S 11 heute nach Köln-Mülheim fahren, um dort nach Norden (z.B. Düsseldorf) umzusteigen, dies künftig nicht mehr tun könnten.

Nach Meinung der vielen Bürger sollte das Radfahren in den Mobilitätsketten eine viel größere Rolle spielen. Doch dazu brauche es eine bessere Infrastruktur für Fahrradfahrer (Radwege, Schutzstreifen, auf der Straße usw.). Zudem könne man derzeit im Berufsverkehr sein Rad weder im Bus noch in der Bahn mitnehmen und auch nur an wenigen ÖPNV-Haltestellen sicher abstellen. Um dieses „Park- Problem“ zu beheben, werden Radstationen an der S-Bahn in Bergisch Gladbach (plant die Stadt für Herbst 2014) sowie an Straßenbahnhaltestellen in Bensberg und Refrath vorgeschlagen. In diesen bewachten Radstationen stünden die Fahrräder sicher und witterungsgeschützt. Darüber könnten Dienstleistungen wie Mieträder, Reparaturen, Ladeinfrastruktur für E-Bikes sowie Fahrradzubehör angeboten werden. Auch die Öffnung der Gladbacher Fußgängerzone sowie der Einbahnstraßen für den Radverkehr (Schritttempo) nennen einige Bürger als Fördermaßnahme für den städtischen Radverkehr.

Beim Thema motorisierter Individualverkehr ist es erstaunlich, dass der Autobahnzubringer eine eher geringe Rolle spielt. Die Autobahnanbindung über die Bahndammtrasse sowie die „Nutzung über die Straße In der Auen verlängert bis Gronau“ wurden von einigen Bürgern angeregt. Bei der Zukunftswerkstadt Verkehr geht es eher darum, dass sich die Gesellschaft auf völlig neue Bedingungen im Autoverkehr einstellen muss, die – laut der Bürger – zu einem Bedeutungsverlust des Individualverkehrs im eigenen Auto führen. Hier fallen Stichworte wie Klimawandel, technologischer Fortschritt, Car-Sharing und Autonome Autos/Roboterautos. Ein weiterer Diskussionspunkt ist auch hier die angemessene Berücksichtigung der Kosten des motorisierten Individualverkehrs für die Volkswirtschaft (z.B. Straßenbaukosten, Straßenerhaltungskosten und Umweltverschmutzung).

Im Bereich Wirtschaftsverkehr ist die Lage von Gewerbe ein wichtiges Thema. Bestehende Gewerbegebiete liegen – nach Meinung der Bürger – oft ungünstig. Hier wird als Beispiel der Lieferverkehr von Zanders und Krüger genannt. Bergisch Gladbach brauche Gewerbegebiete mit guter Verkehrsanbindung. Neues, insbesondere „dreckiges“, Gewerbe soll deshalb in Autobahnnähe angesiedelt werden. „Sauberes“ Gewerbe ist für die Bürger auch in der Stadt in Ordnung. Diskutiert wird auch darüber, dass die Unternehmen angemessen an den Kosten des Wirtschaftsverkehrs auf unseren Straßen beteiligt werden sollten. Hier wird das Beispiel „ein LKW belastet die Leverkusener Rheinbrücke 60.000 mal stärker als ein PKW“ genannt (http://www.zeit.de/2011/31/Stimmts-Strasse). Dies könnte auch in Bergisch Gladbach dazu führen, dass die Alternative Schienenverkehr für die Unternehmen attraktiver würde. Die Verlagerung des Schwerlastverkehrs auf die Schiene favorisieren viele Bürger.

Das Thema Verkehrsmix/Mobilitätsketten interessiert ebenfalls viele Bürger. Sie sind der Meinung, dass ein guter Verkehrsmix bzw. schnelle Mobilitätsketten eine Stadt attraktiv machen. Deshalb brauche Bergisch Gladbach eine intelligente Vernetzung der Verkehrsmittel. Hierfür werden beispielweise eine App zur Nutzung von Mobilitätsketten, Park & Ride sowie die Kombination von ÖPNV und E-Bikes vorgeschlagen. Eine intelligente Vernetzung ist auch ein genanntes Ziel des neuen integrierten Mobilitätskonzept MobiK GL der Stadt.
Autorin: Vera Werdes; vera.werdes@email.de